Verdammte Engel

Es war eine sternenklare Nacht. Der Vollmond stand hoch am Himmel, als ich durch die Straßen ging. Ich liebte diese Nächte: klirrende Kälte, fahles Mondlicht, Stille. Es waren nicht viele Menschen auf den Straßen. Die meisten von ihnen schliefen friedlich in ihren Betten und träumten. Ahungslos. Ohne auch nur den geringsten Schimmer davon zu haben, was auf ihren tagsüber so belebten Straßen vor sich ging, wenn es niemand bemerkte. Ich liebte diesen Gedanken. Denn ihr Irrglaube, die Straßen seien nachts genau so friedlich und sicher wie am Tage, lockte doch immer wieder einige von ihnen nach draußen. Manche gingen spazieren, andere kamen aus dem Kino, wieder andere zogen von Kneipe zu Kneipe und einige mussten nachts arbeiten. Es war das reinste Paradies: Ich musste mir nur einen von ihnen aussuchen, um meinen Durst zu stillen.

Es dauerte nicht lange, bis ich einen von ihnen gewittert hatte. Dem Geruch nach war es eine junge Frau, vielleicht Mitte zwanzig und nicht sehr weit entfernt. Ich leckte mir über die Fangzähne. Junges Blut... Was könnte es besseres geben? Sie ging durch den Park und hatte es offenbar eilig, denn ihre Schritte waren schnell. Vermutlich hatte sie Angst, überfallen zu werden. Ich schmunzelte. Wie Recht sie doch hatte. Doch dem, was ihr bevorstand, konnte sie nicht entkommen. Ganz egal was sie auch tat - sie war mir schutzlos ausgeliefert.

Ich breitete meine rabenschwarzen Schwingen aus und folgte ihr lautlos, einige Meter über den Baumkronen. Irgendwie schien sie meine Nähe zu spüren, denn sie wurde nervös, lief schneller und sah sich ständig um. Doch sie konnte mir nicht entkommen - und sehen konnte sie mich auch nicht. Als sie an einer dunklen Stelle zwischen zwei Laternen war, schlug meine Stunde. Ich stürzte mich auf sie und warf sie zu Boden. Noch bevor sie schreien konnte, schlug ich meine Zähne in ihren Hals. Ich spürte, wie ihr Körper kraftlos in meinen Armen zusammensackte, als mein Biss sie lähmte. Süßes Blut lief meine Kehle hinab. Es war rein, frei von Alkohol und Nikotin. Sie schien sehr auf ihre Gesundheit zu achten und hätte wohl noch ein langes Leben vor sich gehabt - wäre sie nicht so dumm gewesen, nachts durch den Park zu gehen... Ich saugte genüsslich an ihrem Hals und biss noch ein wenig fester hinein, um ihr zartes Fleisch zwischen meinen Zähnen zu spüren. Schon lange hatte ich keinen so guten Fang gemacht. Ich ließ mir viel Zeit, um auch den letzten Tropfen aus ihren Adern zu saugen.

Als ich mit ihr fertig war, war es schon fast Morgen. Am östlichen Horizont sah ich die Dämmerung. Höchste Zeit also, mein Quartier aufzusuchen und mich für den Tag zum schlafen zu legen. Ich ließ ihren leblosen Körper zu Boden sinken und sah zum Horizont. Die Morgenröte begann bereits aufzusteigen. Doch da war noch ein Licht - und es war nicht die Sonne. Über dem Horizont war ein weißes Licht, das immer näher kam. Zuerst konnte ich keine Details erkennen - doch dann sah ich einen geflügelten Körper. War das etwa - ein Engel? Eines jener geflügelten Wesen, die den Menschen gutes tun? Ich hatte niemals zuvor so etwas strahlendes gesehen. Doch was es auch war, ich konnte nicht länger bleiben, denn die Sonne ging gleich auf und ich musste so schnell es ging weg, an einen sicheren Ort. Also breitete ich meine Flügel aus und flog davon.


Die Sonne ging gerade auf, als ich den Ort des Schreckens erreichte. Sie lag auf dem Boden - regungslos, als hätte man ihr alle Lebenskraft genommen. Doch ich spürte, dass ich nicht alleine war. Kurz zuvor muss noch jemand hier gewesen sein. Für einen kurzen Moment glaubte ich, jemandem im Schatten der Häuser verschwinden zu sehen. Aber es war kein Mensch. Ich konnte zwar nur schemenhaft seine Umrisse erkennen, doch was auch immer es war, es war ein geflügeltes Wesen. Doch es konnte kein Engel sein - warum versteckt er sich vor dem Licht? Sollte es etwa ein gefallener Engel sein? Ein Dämon? Ein Diener Luzifers? Ich konnte keinen Antwort finden, denn gesehen hatte ich noch nie einen - und auch kein anderer Engel hatte das jemals. Doch Dämon hin oder her, ich war gekommen, um dieser Frau zu helfen. Ich legte meine Hand auf ihr Herz und erlöste ihre Seele, damit sie zum Himmel aufsteigen konnte.

Der Gedanke an ihn ging nicht aus meinem Kopf. Er hatte etwas furchteinflößendes in sich, das mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen und mich innerlich erzittern ließ. Sein Herz war so kalt, dass schon der Gedanke daran mich nahezu erfrieren ließ. Es war, als könnte ich seine Nähe noch immer spüren. Ich hatte Angst. Ich dachte immer, dass Engel dieses Gefühl nicht kennen - doch nun spürte ich, dass ich falsch lag. Aber trotz allem war da auch eine Kraft, die mich zu ihm zog. Er hatte etwas magisches an sich. Ich konnte es mir nicht erklären, aber irgendetwas weckte den Wunsch in mir, ihm noch einmal zu begegnen. Dieser Wunsch war noch größer als meine Angst. Und er wuchs.


An diesem Tag fiel es mir schwer, einzuschlafen. Die ganze Zeit musste ich an sie denken. War sie wirklich ein Engel? Wenn nicht, was sollte sie dann sein? Etwas wie sie war mir nie zuvor begegnet... Es war nicht nur Licht, das sie ausstrahlte. Da war auch Wärme. Sie schien direkt aus ihrem Herzen zu kommen. Ich konnte spüren, wie diese Wärme auch mein Herz berührte. Doch Wärme in meinem Herzen? Konnte das überhaupt sein? Oder war alles nur ein Illusion? Doch ich spürte sie immer noch, diese Wärme. Und ich spürte ihre Nähe. Wo mochte sie jetzt wohl sein? Was mochte sie tun? Denken? Fühlen? Meine Gedanken kreisten nur noch um sie. Ich wünschte mir, sie wiederzusehen, ihr näher zu sein und sie zu spüren. Doch ich sah keinen Weg.

Als ich aufwachte, war die Sonne kurz davor, unterzugehen. Ich sah aus einem Fenster auf der Westseite, das bereits im Schatten lag. Das Sonnenlicht strahlte ein Hochhaus an und ließ es in einem roten Licht erstrahlen. Ganz oben auf dem Dach stand ein Wesen mit strahlenden, weißen Flügeln und diesmal war ich mir ganz sicher, dass es ein Engel war - mein Engel. Wie hatte sie mich gefunden? Hatte sie auf mich gewartet? Ich konnte nicht zu ihr, denn noch war es zu hell, um nach draußen zu gehen. Sie blickte zu mir herab und wieder spürte ich ihre Wärme, aber ich spürte sie noch näher bei mir als bei unserer ersten Begegnung. Waren wir uns wirklich näher - oder kam es mir nur so vor? Ihre Wärme beunruhigte mich, machte mich nervös. Warum war sie hier? Was wollte sie von mir? Doch irgendwie spürte ich, dass es nichts böses war - dafür war das Gefühl zu schön. Als die letzten Sonnenstrahlen verloschen waren, ging ich aus dem Haus, um zu ihr zu gelangen - doch als ich draußen war, war sie fort.


Ich spürte, wo ich ihn finden konnte. Am Abend flog ich zu einem Hochhaus und stellte mich auf die Brüstung. Es lag direkt gegenüber seinem Fenster. Ich wusste, dass seine Stunde geschlagen hatte, sobald die Sonne unterging. Sie stand schon dicht über dem Horizont, als sich etwas regte. Er sah aus dem Fenster. Ich spürte, dass er es war. Sein Blick war so voller Kälte, wie es der eines Menschen niemals hätte sein könnte. Als er mich ansah war es, als würde er alle Wärme aus meinem Herzen saugen und mich tief in meinem Inneren erfrieren lassen. Meine Flügel zitterten. Die Angst vor ihm war viel größer als am Morgen - doch mein Wunsch, ihm nahe zu sein, war noch um ein vielfaches größer. Als die Sonne fast untergegangen war, ging er vom Fenster weg. Wo wollte er hin? Was hatte er vor? Läuft er etwa weg von mir? Warum? Ich will ihm doch nichts böses... Doch ich hatte eine Zeit, um darüber nachzudenken. Es war Zeit für mich, schlafen zu gehen - hinter den Wolken. Ich breitete meine Flügel aus und hob mich in die Lüfte.

Als ich in meinem Wolkenbett lag, dachte ich noch sehr lange an ihn. Ich konnte spüren, wie mein fast erfrorenes Herz für ihn schlug. Was mochte er jetzt wohl tun? Durch die Stadt ziehen und sich ein neues Opfer suchen? Es genau so kaltblütig töten wie die junge Frau letzte Nacht? Würde er vielleicht an mich denken? Oder auch etwas für mich fühlen? Ich wusste es nicht. Ich konnte es mir nicht mal vorstellen. Ich wusste nur eines: Ich wollte ihn unbedingt wiedersehen.


Noch lange sah ich zu dem Hochhaus hinauf. Warum war sie hergekommen? Wollte sie mich sehen? Aber warum war sie dann verschwunden? Hatte sie Angst vor mir? Ich wollte ihr keine Angst machen... Um nichts auf der Welt könnte ich sie verletzen. Niemals zuvor ist mir ein so wunderbares und wertvolles Geschöpf gesehen wie sie. Meine Gedanken drehten sich nur noch um sie. Die ganze Nacht flog ich umher mit der Frage im Kopf, wie ich sie wiedersehen könnte. Ich vergaß sogar meinen Hunger. Doch dann fiel mir ein, dass genau der es war, der sie zu mir führen würde. Sie war bestimmt nicht zufällig nach meinem letzten Mahl aufgetaucht. Und noch nie war ich bis zur Morgendämmerung bei meinem Opfer geblieben. Nein, das konnte kein Zufall sein. Ich suchte mir ein Opfer - schließlich fand ich einen Mann Ende dreißig, der nicht sehr gut zu Fuß war. Er war sicher nicht meine beste Wahl, aber sein Geruch sagte mir, dass sein Blut rein war. Ich stürzte mich auf ihn und verbiss mich seinen Hals, um ihn zu lähmen. Wahrscheinlich hat er es nicht einmal gespürt, denn er war sofort bewusstlos. Doch ich trank sein Blut nicht sofort. Stattdessen hob ich ihn hoch und flog mit ihm über die Stadt. Ich suchte mir eine Hausecke, die das Licht der aufgehenden Sonne verdeckte. Dort, mit Blick zum Horizont, trank ich das Blut meines Opfers. Es war nicht so süß wie das der jungen Frau, doch es stillte meinen Durst. Dann setze ich mich daneben und wartete auf die Dämmerung - bis ich sie am Horizont sah. Sie war es wirklich - und sie kam direkt auf mich zu. Auch wenn sie noch zu weit weg war, um ihre Umrisse erkennen zu können, wusste ich doch, dass sie es war. Ich fühlte es. Es war diese Wärme in meinem Herzen. Nun war es an der Zeit für mich, mich vor der Morgensonne zu schützen. Ich ging hinter das Haus, meinen Blick auf den leblosen Körper gerichtet - und wartete auf sie.


Ich flog so schnell ich konnte. Irgendwie spürte ich, dass er noch immer da war. Doch ich konnte nicht schneller fliegen als die Sonnenstrahlen, die meine Flügel trugen. Ich hoffte so sehr, ihn dort unten wiederzusehen. Aber konnte er dort überhaupt bleiben? Und wenn ja, für wie lange? Wie mochte er wohl sein? Ich hatte Angst, doch das war mir egal. Ich spürte seine Kälte, doch mein Herz schlug für ihn. Ich wollte nur noch zu ihm. Als ich näher kam, sah ich sein Opfer - ein Mann, der leblos am Boden lag. Ich hatte keine Wahl, ich musste ihm helfen, ihn erlösen. Ich kniete mich neben ihm und legte meine Hand auf sein Herz, um seine Seele zu befreien. Ich spürte die wärmenden Strahlen der Morgensonne auf meinen Flügeln, doch seine Kälte war stärker. War er immer noch hier? Dann blickte ich in den Schatten hinter dem Hochhaus - und sah ihn.


"Ich habe hier auf dich gewartet." sagte er mit sanfter, ruhiger Stimme. Sie spürte, dass sie keine Angst vor ihm haben musste. Langsam stand sie auf und ging auf ihn zu, blieb aber im Licht. "Wer bist du...?" fragte sie mit leiser Stimme. "Weißt du das nicht?" antwortete er. Sie nickte zögerlich. "Ein schwarzer Engel? Ein Engel, der in Ungnade gefallen ist?" - "Ja, das bin ich. Und du bist ein richtiger, ein weißer Engel?" Wieder nickte sie. "Ich habe dich gesehen... Gestern früh." fügte sie hinzu. "Ich habe dich auch gesehen - und wollte dich wiedersehen. Und nun bist du hier." Sie lächelte. "Ich wollte dich auch wiedersehen..." sagte sie leise und kam dem Schatten etwas näher. Er ging etwas näher zum Licht, doch nicht hinein, denn er wusste, dass es ihn verbrennen würde. Er streckte seine Hand nach ihr aus und sie tat das gleiche. Sehr, sehr langsam kamen sich ihre Fingerspitzen näher. "Dürfen wir das...?" fragte sie etwas ängstlich. "Möchtest du es?" fragte er zurück. Sie nickte. "Ja, das möchte ich..." - "Ich möchte es auch..." Immer näher kamen sie sich, bis sie sich genau an der Grenze zwischen Licht und Schatten trafen. Ein brennender Schmerz durchzog ihre beiden Finger, als sie diese Grenze erreichten. Sofort zuckten sie zurück und sahen einander an. "Ist es überhaupt möglich?" fragte sie. "Können Engel und Dämonen einander nahe sein?" Er überlegte für einem Moment. "Ich weiß es nicht. Aber in diesem Moment wäre ich bereit sehr viel zu geben, um es herauszufinden..." Auf ihren Lippen zeichnete sich ein Lächeln ab. Ganz langsam ging sie auf die Grenze zu und blieb kurz davor stehen. Dort breitete sie ihre schneeweißen Schwingen aus. Er tat das gleiche mit seinen schwarzen Flügeln und stellte sich direkt vor sie. Dann sahen sie einander in die Augen. Und wie auf ein unhörbares Stichwort machten sie den letzten Schritt aufeinander zu und schlungen ihre Flügel umeinander.

In dem Moment, als sie einander berührten, entflammten ihre Flügel. Die brennenden Flügel umhüllten sie wie ein Umhang aus Feuer. Die Flammen loderten heißer als jedes Feuer auf Erden und erfassten ihre Körper. Schon bald war nicht mehr von ihnen zu sehen als ein gleißend helles Leuchten. Doch so schnell es gekommen war, so schnell verschwand es auch wieder. Die beiden waren verschwunden - doch Asche bedeckte den Boden. Ihre Form bildete ein Herz - mit einer Hälfte auf der hellen und einer auf der dunklen Seite.